Die Lippenableserin

 

der mit dem gebirge spricht
spricht nicht mehr mit dem gebirge
er zieht sie an sich heran
er will in ihr erkennen
was es ist

er kreist um die nächte
von denen er keine hat
sie ruft ihm glückskeks
aber er wankt nur

sie zählte die worte die ihm fehlen
sie sagt
ich werde in fulda sein
ich werde meret becker sehen und sie fragen
wie lange hält man das aus
das nichts zu zählen
die brotkrummen zu erwähnen
die zungen zu spalten
dass ende zu erkennen und trotzdem
so zu sein
als könnte einem nichts verderben
die unruhen nicht und die gespräche
der sargträger
die auch nur ihren job machen

er war von gestern übriggeblieben
sie lachte
als er erwachte wusste er
dass aus dem lachen niemand mehr kam
dass er gehen musste
damit sie
die verluste zählen konnte

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Olga Tokarczuk

Die wunderbare Olga Tokarczuk erhält den Literaturnobelpreis!!

 

 

„Die zweite Welt schuf Gott, als er jung war. Er hatte noch keine Erfahrung, deshalb ist in dieser Welt alles blass und verschwommen, und die Dinge zerfallen schneller zu Staub. Der Krieg wärt ewig. Die Menschen werden geboren, verlieben sich leidenschaftlich und sterben ganz plötzlich, denn der Tod ist allgegenwärtig. Doch je mehr Leiden ihnen das Leben bringt, desto mehr wollen sie leben“

 

Aus Ur und anderen Zeiten bei Berliner Taschenbuch Verlag

Die lippenableserin

 

ein los das nicht schmeckt
eine heirat ohne verkehr
ein schnitt in einem film
ein film verkehrt herum gedreht
ohne handlungsbedarf
ein vergessener brief der abhanden kam…
ein gelungenes paris
morgen, morgen
die türe zerbrochen
es ging zu viel schief
die frau geht mit der zukunft
sie handelt in habsburgermanie
sie eröffnet einen zirkus
ein nichtwaschechter elefant kreist um die erde
kafka sinnt nach rache
die ewigkeit grüßt dich, du vergessener..
max im büro des gefängniswärters paul
paul: ich hab dich gesehen, du siehst nicht aus wie ein verbrecher
gähnen, zur hälfte bezahlt
elke im badetuch
an ihr gehen die männer vorbei..
zerreissen sich die augen
der wind spricht, weil er es nicht kann, sprachlos
die ewiggestrigen sitzen im zug und malen sich einen faschisten aus
der durch die strassen zieht und zielt
sie ernten kopfaugenschütteln
sie verlassen ausschwitz in den grenzen von 33
sie gähnen
lindenblütentränen in den wolken
die alten backen die brote für ihre juden
sie suchen das gemeinsame
sie halten schillernd schilder in den händen
es juckt sie das verständnis
sie zählen die zeit
sie lauschen den schritten der faschisten
nebel nebelverhangen
wir bringen uns um und reichen uns die hände
max sitzt im gefängnis
ich weiß nicht warum, sagt er sich
elke im badetuch des abgrunds
sie pfeift auf das lied der geschlossenen
sie halten die augen für keine gute sache
sie ketten den wolfsmund an
damit er bluten und verstehen kann

Die Lippenableserin

er erwachte und lächelte sie an
sie hatte einen apfel in der hand
blickte misstrauisch
ich fahre weg, für einige tage…
er lächelte weiter..
ihr ging es auf die nerven dass er lächelte
sie überlegte ob sie ihn vielleicht verlassen sollte…

er sagte, ich werde in einem hotel übernachten,
er lächelte weiter…
aha, dachte sie und sie ist wahrscheinlich sieben jahre jünger
als ich und sie dachte, sie ist wahrscheinlich noch jünger
er lächelte…

du kommst mit, sagte er, er fragte sie nicht, er bestimmte auch nicht, es war so etwas natürliches in seiner stimme, als wäre er plötzlich irre geworden
was, fragte sie…sie hatte ihn sich schon mit einer geliebten vorgestellt, wie sie sich gegenseitig an und auszogen, ja sie erahnte sogar die geräusche die sie machten und nun das..

sie fuhren ins hotel in der nähe der großen stadt
in der stadt fand eine klimakonferenz statt
außerhalb der konferenz demonstrierten leute gegen den
klimawandel
sie hatten lustige transparente dabei und einige von ihnen hätten gerne das ein oder andere bier getrunken

kerstin war auch da, die heimlich für angelique kerber schwärmte. Sie hielt das größte transparent in der hand und obwohl jeder ihr hilfe anbot
wollte sie es ganz alleine tragen….

Das Waldstadion

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gestern wurde ein wolf gesehen
der im wald eine frau fragte
ob sie eine eintrittskarte habe

es leuchtete hell und der morgen von dem man
wenn man gedichte schrieb nur nutzloses sagen konnte
sah hinab und zählte die punkte

sie die eine geste machte wie es radiomoderatorinnen machen
wenn sie nicht so genau wissen
rief nach ihrer ähnlichkeit
paul der scharf auf sie war
hielt ihr gähnen für eines dieser großzügigen gesten
die man dann doch übersieht

gestern wurde dieser wolf gesehen
der hungrig vor den toren des stadions herumlief
er wusste
wenn sie das gewinnen können sie
meister werden
meister der gewohnheiten
meister der ähnlichkeiten oder einfach nur meister

meister der vergessenen
der verluste
meister der klingonen

Die Lippenableserin

 

es war ein mieser tag für schriftsteller gewesen
auf der ganzen welt wurde nur ein buch verkauft und
das war
marquez buch hundert jahre einsamkeit
alle anderen lagerten in den hallen oder
lagen in den regalen
manche wurden auch gestapelt, lagen nebeneinander und
machten sich lustig über die anderen
wir spielen keine rolle mehr, riefen die schriftsteller wie
die schriftstellerinnen
sie öffneten die fenster
goßen kaffee in harmlose tassen und summten irgendein schriftstellerlied

es war ein mieser tag als gregor samsa erwachte
er schlug die erste seite seiner geschichte auf und sagte sich
das ist schon das grab
er legte sich wieder hin
stellte sich vor er würde hinauszurennen und nichts
nichts von all dem würde geschehen außer dem grab

die schriftsteller und schriftstellerinnen planten einen aufstand
sie hielten große reden ohne dass es jemand wahrnahm
sie teilten die welt in grade und ungraden strecken ein
sie erwachten oder träumten
sie zerlegten ihre schritte und fragten sich
was ist nur los

jetzt wäre es der richtige moment dachte gregor samsa als er ausgehungert
von einem traum erwachte
er spürte es gab gute gründe zu verschwinden, eine lösung aber lag auch nicht darin
nur der zweifel beruhigte ihn
der zweifel und der lange schatten eines autors der erwacht und sich
müde weckt
der die luft ansieht wie ein grab
es könnte dämmern, es könnte nach mündern riechen
nach geborgten plänen die man jetzt schon satt hat
er schob die jahre die dazwischen lagen zur seite und las
hundert jahre einsamkeit