Birke

wir waren alle mal tot
birke
nicht nur du
nicht nur du weißt die fahne
der anderen
nicht nur du kennst das
du gehst außer gefecht
die blutigen stellen bewunderst du
du rufst sie auf
deine toten
deine helden
die fremden durchlöcherst du
so ist es doch
birke
so bist du umhergerannt
was für ein abenteuer
die anderen lagen alle mit weißen fahnen
aus den fenstern
sie wollten nicht mehr
nicht mehr weinen
nicht mehr schreien
nicht die wunden zählen
nicht
nicht
nicht zulassen birke
dein kopf, eine wolke
eine wolke die an diesem einen tage abglitt
du hast vorher schon nicht mehr daran geglaubt
dabei gehörte alles dir
dir
dir
das sterben und das töten
das bluten und der verlust
das alles gehörte dir
nun waren sie da
du hörtest sie bereits
sie krochen aus den ritzen deiner haut
die panzer riefen
birke
gib auf
dein führer hat sich in die luft gesprengt
jeder einzelne knochen
rief deinen namen
birke
birke
aus dem fenster die tränen
aber die tränen kommen und gehen
jede vernichtung ist am ende
ein vergraben
ein sich lösen davon
du hattest ein kind
das durfte nicht mehr leben
du warfst es zum hinterhof
die türen blieben geschlossen
es lebte nicht mehr lange
es hing alles von nichts mehr ab
es war alles ausgeschlossen
ein leben das beginnen durfte
endete
kein schnee draußen
niemand der rief
der himmel
alle standen vor dir
birke
ein schuss aus der nadel
das letzte gift für das vergessen
niemand
niemand durfte leben hatte der führer gesagt
birke leise zum kind
jetzt bist du
die arme schräg
die ganze geschichte schräg
der moment an dem du glaubst
du bist angekommen
es reist die wunde ab
sie stirbt nicht
sie wird bleiben
birke
dafür hat es sich doch gelohnt

Werbeanzeigen

gegen den Pokal antreten

die Dame schaut

schaut nach links

sie sieht

frau schmitz

sie erkennt in deren gesicht das

fahrverbot

sie erkennt in dem buben das

eigene vergessen

sie weiß

aber was sie weiß

was weiß ich, denkt sie

die Dame trägt heute keinen schal

die augen verlieren sich nicht

im Gedanken an diesem planeten

Planeten das sind stadien

die haben nichts zu verlieren

die Dame erkennt es

doch

sie sieht es nicht

sie blickt hinein

in den nachmittag

heute sagt sie

müssen wir

die reste der suppe

vergraben

 

dame[739]

aus dem französischen

 
stellen sie sich einen hund vor
der hund trägt ein gewehr und ein gedicht
das gedicht handelt von einem hund
der hund in dem gedicht ist sehr klein
er ist so klein dass er nicht bellen will
er ruft
solange ich so klein bin belle ich nicht
man versteht ihn nicht
der hund mit dem gewehr schießt
der hund schießt auf das gedicht
das gedicht fällt
es fällt mit dem gedicht nach oben
jetzt ist der hund in dem gedicht nicht mehr klein
jetzt kann man ihn überhaupt nicht mehr erkennen

das nächste spiel

gras wachsen

halme

sehen

 

Grashalme wachsen

sehen

 

sehen was Grashalme wachsen

was wachsen was sehen

 

sehen was bälle sagen

was bälle sagen wenn sehen

bälle

 

wenn bälle sagen

licht und der Korridor steht weit auf

wenn bloß nichts schief geht sagt der Flachmann und

der Fachmann stimmt zuNatur[723].jpg

Das Licht an der Wand

angelehnt an einem ort der mir vertraut und lieb ist
denke ich mir immer
wie es wäre irgendwo anders anzukommen und nicht wirklich dort zu sein
so erging es mir mit dir und so erging es dir mit mir
wir schoben worte zusammen
pressten die lippen einander und dachten
der rest wird uns schon glücken
welch ein irrtum

elke erzählt

 

irgendwo in unserem viertel wuchs er auf
er sammelte sterne
sterne die nichts zu tun hatten mit dem himmel
mit der nacht in der wir von erdnüssen redeten und
augen sammelten die über alles hinwegsahen

er lud mich einmal zu sich ein
zeigte mir seine sternensammlung
suchte die lügen die in seinen augen glänzten
das waren alles verbrecher, sagte er
deshalb hat man sie so behandelt
gute menschen behandelt man so nicht, das
hat mein großvater gesagt, meinte er

mein großvater sagte, die sterne haben nicht nur die ruiniert
die sie trugen
sie ruinierten auch uns

er schwieg
schwieg einige zeit
dann sagte er
ich habe die alten stiefel noch
mit der schritten sie durch die strassen
die waren so laut, dass man sie in der ganzen welt hören konnte und
rufen taten die
hört zu, riefen sie, wir kommen zu euch, noch ehe ihr erwacht
wenn ihr es gut mit uns meint, tun wir euch nichts…

er lachte und fragte, wie findest du diese stiefel
ich sagte
bedeutet es dir etwas über den tod der anderen zu reden und dabei zu
vergessen, dass sie mit uns begraben wurden
bedeutet es dir etwas, dass man sagen wird, wir sind alle fiktiv
nichtgeborene die man verlassen hat, noch ehe man sie treten konnte

es gibt sie noch immer, die worte die uns in die irre führen
in den neunzigern sagten manche, ethnische säuberung dazu
machte die flüsse rot
gaben gelbe armbinden aus
schoss stundenlang auf menschen
es hatte den selben klang
den klang derselben kranken idee
zu vernichten,
doch was vernichtest du
wenn du nichts mehr hast
außer sterne die nicht vergessen werden was schritte anrichten können
wen begräbst du, wenn niemand mehr da ist
den du vernichten kannst?

Schweinenberg

„Am nächsten Tag sehr früh kam Schweinenberg [ins Lukiskes Gefängnis], mit aufgekrempelten Ärmeln wie ein Metzger, und hielt eine Riemenpeitsche in der Hand. Er stellte sich inmitten des Saales auf den Körper einer bewusstlosen Frau, er befahl, dass sich alle mit dem Gesicht zur Wand kehren sollten, und warnte: ‚Wer den Kopf dreht, den werde ich zu Tode foltern!‘ Er schlug mit seiner Nagaika und befahl: ‚Aufstehn! Setzen! Aufstehn! Setzen!‘ Eine Frau erhängte sich an den Windeln ihres Kindes. Menschen fielen in Ohnmacht. Man wartete auf den Tod wie den einzigen Erlöser. Doch einen leichten Tod gönnte uns Schweinenberg nicht“ (Abraham Sutzkever, aus Wilner Getto 1941-1944).

 

 

am nächsten erwachst du und liest

etwas in der zeitung

du denkst,die sonne wird scheinen und

wenn du glück hast ist Julia da und

ihr könnt ein wenig zeit verbringen

vor den gräbern….

am nächsten morgen sagt man dir

alle sind für immer gestorben

selbst die nacht als jemand die türe öffnete und

schrie und nicht mehr aufhörte zu schreien…

ach schweinenberg, nur du stirbst nicht

selbst wenn man dich aufhängt

dich kopflos durch die zeit gehen läßt

deine tritte tun der ganzen welt weh

das vergessen hilft dabei

weil es nicht sterben kann

wie du