Elke erzählt

eines tages wollte ich auf die andere strassenseite
ich stieg also aus und sagte auf wiedersehen zu ihm
er wollte daraus ein bild machen
sagte, bleib bitte stehen
ich blieb nicht stehen
denn panzereinheiten fuhren vorbei und
ich wusste nicht
waren es feinde oder die anderen
er aber rief mir zu
doch wieder zurückzukommen
es war nicht möglich
denn in der zwischenzeit hatte man eine mauer gebaut
fleissige arbeiter taten es
sie lächelten mir zu
riefen
einen schönen ersten mai!
Ich warf jedem eine flasche bier zu und verschwand
später dachte ich manchmal an ihn
bestimmt war er wieder zufrieden und glücklich
bestimmt begann er mit den anderen das land aufzubauen
als wäre es momentan kaputt
als wäre dort wo eben noch das bier war
nur noch pfandflaschen
auch die werden verschwinden
sie werden verschwinden wie man manchmal gebete ansieht
gebete zum ersten mai
Proletarier aller länder, was ist nur los?

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septemberring

oh ja, wie erinnere ich mich an

die ersten sommertropfen

die augen wund vom sehen

die messerschleifer noch nicht ganz arbeitslos

der zitronentee ins tiefkühlfach

das warten wurde zur qual

es war sommer und die

die gedichte schrieben zeigten der welt eine nacht

die unendlich war

die zerissenen schoben ihre Körper einander

die brotlosen dachten an die kunst

die Kunst aber dachte nicht an das Brot der lostrommelverkäuferinnen

das Radiogerät sprach von liebe und reizstoffen

die nähe war weit

aber der zitronentee lag geforen in einer ecke und ich

daneben

6.

ich wollte etwas beten
unter der sonne
ich nahm das buch
blätterte darin
es schmerzte mich dass die wolken so ziellos schienen
es ärgerte mich dass ich kein radio dabei hatte
ich lachte nicht als ich von einem terroristischen anschlag hörte
ich stellte mir das leben eines terroristen vor
wie er die wolken ansah
mit ihnen sprach
wie er vom abzug redete und von den beschwerden im halswirbel
ich fragte mich
was er vom kleingeld hält und was mit dem abzug ist
ob er wenigstens die toten mag
wenigstens die toten sollte er doch mögen, dachte ich und
kratzte mich
die soldaten vergraben auch nicht anders, dachte ich
sie stehen vor fremden soldatenfriedhöfen und begreifen nicht
ich zittterte keineswegs
auch das lachen war nicht ganz verschwunden
licht war da
licht und die wolken
aber sonst war da niemand
niemand der mir sagte wo es langgeht
da waren nur ebenen – dunkle schichten
ein paradies dass niemand mehr kannte
zwei sicherheitsmitarbeiter halten es verschlossen
zwei gedanken tragen es immer weiter fort
ich bete nicht
es ist kein gebet da
manchmal denke ich
es ist ein vergessen da, dass dich jeden tag daran erinnert
wie leicht es ist zu vergessen
man sollte die soldaten daran erinnern
wenn sie vom abzug reden

alter stasimann

 

wie viele telefongespräche abgehört
wie oft fehlte das interesse
wie oft den zahnschmerz verkürzt
die alten tränen in die biere
du und dein schatten ihr schriebt geschichte
du hattest den nachbarn abzuhören
ihn herauszufiltern von den anderen
die das vaterland verrieten noch ehe sie erwachten
du wolltest in seine träume
deshalb lagst du nachts wach
sperrtest deine antenne auf
einmal schriebst du
er ist im rausch in einer pfütze gelegen
er wollte drüber springen
aber dazu fehlte ihm die kraft
er mag unsere sozialistische idee nicht
er trägt die fahne nicht im gesicht
er trägt nichts
nachts
wenn er auf reisen geht
man muss ihn auch im traum erschiessen
wenn er rüber will
aber man schiesst nicht
man lässt ihn gewähren und was
soll ich sagen
er kommt immer wieder zurück
fällt in eine pfütze und schläft im traum ein

Johnny, der Serienmörder

Johnny war neunmalklug

er wollte sich in die DDR abschieben lassen

er kam aus kansas

hatte Haferflocken gerne und die wolken

er träumte davon so richtig schmerzfrei zu leben

unter wasser, mit einem Brötchen in den händen

einmal sah Johnny einen mann, der ging ziemlich leise durch die gänge

Johnny wusste bescheid

er wusste dass es gründe gab so leise durch die gänge zu gehen

was suchen sie, fragte johnny

Johnny hatte gehofft ihn erschrocken zu haben

manchmal rücken die leute dann Geld raus, aus purem schrecken

Johnny mochte den schrecken

er malte ihn manchmal an die wand

der schrecken hatte ein gütiges gesicht

er aß gerne haferflocken

der mann war nicht erschrocken

er sah Johnny durchdringend an

du bist Johnny?, fragte er

wenn du es eh schon weißt, warum fragst du.

der mann lächelte, er war es nicht gewohnt zu lächeln und trotzdem uhhhhh

sah sein lächeln wie ein lächeln aus

was kümmert es dich, wer ich bin, wollte Johnny wissen

Johnny war klug

er ging gerne fisch essen mit doren wenn die zeit hatte

doren hatte nie zeit

im übrigen hiess sie nicht doren

sie hieß zarah und hatte gerade ein wurstbrötchen gegessen

was wollen sie, fragte Johnny.

ich will dass sie mich töten, ich gäbe ihnen drei euro

für drei euro kann ich mir ein gedichtbändchen kaufen

für drei euro fragte der mann und suchte sein Taschentuch, weil er sich schnäuzen musste

über poesie

niemals würde ich über Poesie reden

schon gar nicht schreiben

ich habe keine Ahnung davon

bitte lassen sie mich

gehen sie weiter

es gibt gute seiten

allen gefällt es

blicken sie hier nicht rein

hier ist nichts

ich schau nur nach ob im keller noch Kartoffeln liegen

dabei erinnere ich mich an früher

als Kind sprach ich mit den Kartoffeln über meine erfolge

ich hatte reichlich

die Kartoffeln glaubten mir nicht und wurden gekocht

so ist es auch mit der poesie

nur anders

irgendwie

ja, irgendwo geht das licht an und jemand der noch nie etwas gesagt hat

sagt plötzlich

gute nacht

eine frau trägt einen hut

bei tag und bei nacht

manchmal geraten Geräusche unter den helm

das ist seltsam

aber keine poesie

ich heisse runck mit nachnamen

oder

ich hiesse gerne so

ich lass etwas fallen und später hebe ich es wieder auf

aber nur wenn ich es finde

5.

 

sie trug das biokleid vom biobauern
der alte betrachtete sie
malte sie
zeichnete sie mit einem stift
mit einem elektronischen stift
sie mähte das gras
er malte sie
zeichnete sie
er hob den stift auf
er war ins gras gesprungen
sie trug das gras in den hof
sie setzte die alte taucherbrille ab
er zeichnete sie
bemalte die zeichnung mit einem stift
mit einem hungrigen stift
sie trug das balettkleid von einer ecke zur anderen
sie tanzte dazu
er zeichnete es
er war alt
es war eine alte zeichnung
er malte etwas hinein
etwas neues
er zeichnete seine augen in das bild
er sah sie an
wie sie das bild sah
er fragte
gefällt es dir
sie sagte
es sieht alt aus