der schriftsteller

 

er hat scheisse gebaut
er saß neben einer tochter
die romanzen für romane hielt
jedesmal wenn ich etwas beginne, sagt sie
rede ich mir ein, keinen einfluss mehr darauf zu haben.
er zieht sich leichte klamotten an
alle können solche klamotten tragen
er spürt dass er mehr ist als nur ein satz
ein verstreutes vehikel
eine tasse die verschwindet taucht wieder auf
er flüstert der schönen mit dem klebeband in der hand
das überall frieden sein könnte
sie müsste nur die hand danach ausstrecken
sie würde es gerne glauben, doch die erfahrung sagt ihr
das überall gekämpft wird
ratlose miene
ein fahrrad am eck, schon etwas eingerostet
ein supermarkt – noch geschlossen
der strand nicht weit
wir könnten hin
ich würde dich gerne einmal anrufen
er hat die vergessene gesichtet
er sieht ihr in die augen
er erinnert sich
da war ein augenblick, der wortlos verloren ging
da sagte er ihr ab
sie die ihm gerade den abschied
geben wollte
ein gemaltes bild auf einem schrank
staub fällt drauf
staub dem es egal ist worauf er fällt
hauptsache er fällt

Werbeanzeigen

Emmy Hennings

was für eine welt

der man ständig begegnet

was für eine welt

 

du stirbst einfach

an irgendeinem tag

ein taglang stirbst du

 

niemand rettet dich

denn das sterben ist erlaubt

aber das gedächtnis

 

das Gedächtnis doch nicht

 

da fängt wer an zu regnen

ja

ein strassenfeger oder irgendeine

die sehr viel zu erzählen hat

 

warum schweigt sie aber und

wohin gehen all die täler

die bürsten und schreie

die versuche einen eimer zu zeichnen

 

das vergessen erinnert sich

sie war

sie war und das wird deutlich

 

sie war weil in ihren augen

Klarheit war

sie war

weil niemand sagte

es ist

niemand sagte

es lauter

als sie

Elke erzählt

 
man sieht ihn im profil
mit einer hand hält er
die gitarre
seine füße ruhen sich aus,
er hat das knie nach innen gebeugt
vielleicht wird er alleine bleiben
vielleicht wird jemand das zimmer betreten
er könnte ein reisender sein
er verstummt
er hat sich umgedreht
aber er weiß nicht warum
ohne dass er es bemerkt sitzt eine frau in seiner nähe
sie reisst ihm das gedächtnis aus dem gesicht
sie fängt an ihn zu belügen
du sagt sie
du
du
du
er weiß bescheid
denn er hat wäscheklammern in den augen
er hat schon so oft nachgegeben
ist ihr immer wieder hinterher
einmal begleitete sie sogar ein pistolenschuss
tot?
ja auf der stelle
sie konnte sich nicht einmal umdrehen
um ihn ins gesicht zu lachen
nun ist sie wieder da
sie wird mit der zeit gehen
aber noch schaut sie ihn an
als hätte es nie etwas zwischen den beiden gegeben
wie ein spiegel benutzt sie ihn
du wirst alt, sagt sie
du vergräbst die spuren und wirst dir immer ähnlicher
man sieht ihm an dass er die augen geschlossen hat
die gitarre in seiner hand verwelkt

Ein junger Hauptschüler

Ein junger Hauptschüler wollte an einen Abend im Januar über etwas sehr Bestimmtes mit seinem besten Freund reden.
Er hatte sich bereits auf den Weg gemacht.
Er hatte eine Stelle bei Franz Kafka gefunden, er musste dem Freund diese Stelle zeigen, er wusste aus irgendeinem Grund, er konnte nicht bleiben und er blieb auch nicht, er machte sich auf den Weg.
Er war nicht sicher. Der Freund mochte Kafka nicht, weil Kafka nicht zu vergessen war und der Freund wie er, mochten nur die Dinge, die man vergaß. Aber dieses Buch lag plötzlich vor ihm, er hob es auf, las diese Stelle und dachte, ich muss dorthin, ich muss zum Freund, er wird es verstehen und selbst wenn er es nicht versteht, er wird es nicht vergessen.
Dabei wusste er doch, dass der Freund nur die Dinge mochte, die verschwanden.
Er kam sich wie ein Kind vor, dass noch vor der Geburt die ersten Schritte bereut, er fürchtete sich falsch verstanden, er lachte sogar ein wenig, weil ihm der Gedanke missfiel, er könnte den Freund verlieren.
Angekommen beim Freund holte er das Buch raus, las die kurze Stelle und wollte schon wieder gehen und er ging auch, er war froh zu gehen, das zittern hatte nachgelassen, die alte Unschuld war zurückgekehrt.
Er bemerkte noch, wie etwas Freundliches über die Lippen seines Freundes strich. Er lachte, seine Augen wurden ganz blass davon.
So hatte er sich das vorgestellt.
Es war nur eine Idee gewesen. Es kam ihn wie ein Rausch vor, ein Rausch, der sich nur einbildete ein Rausch zu sein.

Er stand noch immer zuhause herum, ein Waschlappen war auf den Boden gefallen, auf dem Bett lag das Buch. Kafka hatte es nicht gewollt, es sollte brennen, das Geschriebene sollte brennen, aber er hatte es von seinem besten Freund verlangt, sein bester Freund sollte sein Geschriebenes verbrennen, warum der beste Freund, fragte er sich, blieb stehen und dachte nicht mehr an diese Idee zu seinem Freund zu gehen, warum sollte er. Er wollte nicht, dass er etwas darin sah, dass man nur verbrennen oder auslöschen musste. Er nahm das Buch in die Hand und fragte es, warum gibt es dich.
Seine Augen fielen fast auf den Boden, er lachte, stürzte sich auf das Buch und las darin, bis er die Stelle gefunden hatte, die ihn nicht losließ. Wieviel Augen muss man haben, um zu begreifen, um zu verstehen. Er lachte, morgen wird er begraben werden, das ist sicher. Der Freund war seit Wochen nur noch im Bett gelegen, sein blasses Gesicht wollte ihm schon nicht mehr ähnlich sein. Niemals hatte er ihn besucht, ständig hatte er daran gedacht und nun las er Kafka und dachte, es gibt diesen Sprung, diese Bewegung, sie reicht bis über den Tod hinaus, sie begreift uns und vergräbt uns in seiner Umarmung.

herr hut weiß es nicht

heute ist ein tag, denkt herr hut
ich werde nicht raus gehen
werde niemanden an der ecke treffen
nein
ich werde nicht zögerlich sein
ich werde nichts zu tun außer
darüber nachzudenken
wie der tag schmecken könnte

ich fasse mir ins haar wie es
ahnunglose tun
immer dann tun sie es
wenn sie sich streiten
über orte oder münder

herr hut denkt
orte und münder tragen dieselbe
entscheidung in sich und
wenn er so recht darüber nachdenkt
das grab doch auch

er schaut kurz hinaus
alle tage ist dass so
die gleichen ideen
die gemeinsamen schritte
er möchte eine möglichkeit kennen
es anders zu tun
nur kennen, das würde schon reichen

er atmet, das ist viel
das kann nicht jeder von sich behaupten
er stösst die schritte von sich
er zählt bis zehn
er bildet sich ein
der teil eines kreisels zu sein auf den es nicht ankommt
und weil dass so ist
geht er doch raus
bloß um zu sehen
ob er wieder nicht gebraucht wird

das glaube ich nicht

 

geglaubt
es sei etwas geschehen
lichtvermögen
lichtvernichtung
du erkennst die tage
die vor dir liegen

betrachtung der nacht
du als stiller vogel
du weißt nicht mehr wohin mit deinem gesicht und
das gedicht dass du schreibst wird zu lange
in endlosen farben malst du eine gestalt die gerade
im moment in den zug steigen wird
aber was wird sie weiter tun

der himmel steht auf
weckt die augen
weckt die wut
du gähnst
der kaffee sinkt über dich hinab
du gähnst
die schreie sind augen die sehen was das begreifen
nicht versteht
du gähnst

deine vergesslichen tränen winken dem lächeln hinterher
du gähnst
deine art mit erinnerung umzugehen
du suchst die schritte der täter nach merkmalen ab
waren es vergessliche bleibst du stehen
waren es andere
gehst du weiter
pfeifend oder gähnend

die späten gäste

 
sie weigerten sich dem tod die hand zu geben
sie waren nicht sprachlos
in ihren gesichtern kaum ein schrecken

sie wollten nicht daran denken
vom ersten tag an
dachten sie nur
sie sind tot
aber was
haben wir damit zu tun

sie wurden zum fest eingeladen
trafen ein
lächelten
ihre blicke waren nicht die blicke
von mördern
sie waren keine mörder
sie haben nichts gewusst
nichts geahnt

es war besser weiterzumachen
die waren tot
die konnten nicht mehr helfen