Alex Meier Fussballgott

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es war in der neunzigsten spielminute
als die zeit stehenblieb und im stadion jemand
kaugummi kaute der dass zum ersten mal tat

die novemberrevolution war weit entfernt
sie hatte etwas mit uns zu tun
so wie alles etwas mit uns zu tun hat
wenn es schmerzt oder
wir spüren
das ist also das glück
das lied an die freude

wie gezeichnet kam der ball zu ihm und er
zum letzten mal für diese eintracht aus frankfurt
nahm den ball mit dem fuss und
gab ihm eine richtung die wir
vermissen werden

der ball lachte im netz
er lag inmitten von tausend minuten dort
von einer überdosis toren ist noch keiner krank geworden und
wir
wir bedanken uns bei einem den man nicht vergessen wird
weil man es nicht kann
weil götter wenn sie die schuhe ausziehen
immer götter bleiben

der erste jugo

nachdem vata das vater unser fotografierte
sagte er
nehmt euch in acht vor den ausländern
sie stehlen
sie sind böse
sie erschlagen euch selbst dann noch wenn ihr längst tot seid

der erste jugo nahm in unserer klasse platz
seine mutter hatte ihn mitgebracht
er stand zuerst da
er stand mit schweren anzug da
ein anzug so schwer wie die leichteste ballade eines traurigen dichters
geboren in bihac
geboren in bosnien
geboren in jugoslawien
geboren in europa
geboren auf dieser welt
geboren in irgendeiner klinik
geboren durch die hände eines arztes
herausgeholt mit den händen einer hebamme
einer jugoslawischen hebamme
ich stellte mir vor im anzug
ich stellte mir seine geburt im anzug vor
wie er dalag
ganz nackt und trotzdem im anzug
im jugoslawischen anzug
so stand er vor uns
er setzte sich
er wusste nicht wohin
auch ich wusste selten wohin und
ich fragte mich
was ist jugoslawien
und ich fragte
ergibt diese frage einen sinn
ich sah wie er sich setzte
er saß neben heike
heike war die schönste
sie war die erste die keinen bh mehr trug
wir ertrugen es nicht
wenn sie einen bleistift verlor
wenn er sich auf den boden ausbreitete
ich verlor jeden faden
es gab nichts mehr
ich sehnte mich danach dieser bleistift zu sein
von ihr gespitzt zu werden
aber was hatte das zu tun mit dem ersten jugoslawen den ich sah
es sollte nicht der letzte sein
das wusste ich nicht
das konnte ich nicht wissen
ich war zur bleistiftgrösse geschrumpft

nachdem vata uns fotografierte sagte er
seid vorsichtig
vorsichtig bei den ausländern
wenn sie euch was fragen
tut so
als würden sie euch nicht verstehen
geht weg
geht ohne zu antworten

ich fragte den ersten jugo ständig
wie ist es neben ihr
und der erste jugo lächelte und sagte
es ist als würde man verlassen werden und
es wäre immer schön

Der dicke Dichter

 

der dicke dichter ist eingetroffen
alle wollen nur die schönen sehen
der dicke ist stumm
er raucht nicht mal
das ist ungesund sagt er
aber in seinen gedichten raucht selbst die abwesenheit
sie raucht tränen und versucht sich aus allem herauszuhalten.
wie sollte der dicke dichter nicht weinen wenn er dieses gedicht vorliest
er weint wie ein walroß lächelt wenn ihm die sehnsucht überkommt
warum sehe ich nicht aus wie julia engelmann fragt er sich
er möchte am hafen sitzen und sich illusionen machen
er möchte brot in der hand tragen und an judith holofernes denken
die so gerne am bahnhof in gießen steht
sie steht da
trinkt kaffee
schaut wie abwesende an ihr vorbeiziehen und wenn man sie später fragt
was hast du da gemacht
sagt sie
ich war es nicht
so sägt er an seinem schatten
die anderen autoren wollen endlich dass er geht
einmal war er dort
da wäre er beinah geblieben
doch dann sagte die fürstendichterin
mir geht es so schlecht wenn du da bist, komm fahr zu seite und
verabschiede dich wie es dicke dichter tun, sie schrieb ihm
einen abschiedsbrief
sie schrie mehr als dass sie schrieb
sie schrieb
denkst du daran die butter aus deinen augen zu streichen
was bist du nur für ein mensch
überall wiegen sich die dünnen dichter und
wenn sie von mir sprechen
sprechen sie immer von einer
der man gerne mal zusehen würde
wie sie den dicken dichter füttert mit trüben abschiedsworten

Pokalsieger

Sommer

 

heute reibt sich ein junger mensch aus serbien

die augen

das tor dass so düster und unerreichbar zu sein schien

stand völlig unbewacht unter dem himmel der stadt

 

 

der junge mann schiebt den ball vor sich

die zuschauer sind laut vor stille

der linienrichter denkt

es sind die mücken die unter den flutlichtern warten

aber auf was sie warten das weiß er nicht

 

jemand den man unter den tisch schiessen wollte

stand plötzlich als sieger fest

und spätestens als der junge serbe spürte

das war kein traum

nahm er den ball und der streifte durch das nächtliche berlin

bis er im netz lag und darauf wartete

dass ihn jemand weckte

Gegen nichts

noch einmal…

der ball zappelt im netz

ich höre die Sekunden in der

der schuh weiß

dass er sich jetzt trennen muss vom ball

 

die wenigen Sekunden

der atem

die alten die gerade Hölzenbein rufen wollen

rufen die namen von jungen serben

von sanften kroaten

der schiedsrichter sagt

das sind also emotionen

er lächelt

der ball

 

der schuh weiß dass er nichts dafür kann

die Ordnung zappelt im netzsgegoethe2 001.jpg

wir singen

wir das sind mehr als viele

wir

das sind mehr als die erfolgfans je sein können

 

 

 

finale

weißt du, sagt der abwesende
weißt du dass es brücken gibt
brücken die nicht existieren
die in der luft liegen wie liebende
wenn der erste taumel vorbei und
man sich zum ersten mal so ansieht
als könnte man sich ansehen
ohne sich anzusehen
weißt du sagt er
wenn ein spiel beginnt ist es immer
als höre ein anderes auf
jemand der vergessen hat
erinnert sich wieder
detari
vorm freistoss
es ist als stehe er noch immer da
die lücken in der mauer werden
vom torwart verstanden
hinterher wird er sagen
das war kein tor
denn ungarn schießen keine tore
sie sammeln tränen und werfen sie in die donau
aber jemand widerspricht ihm
jemand der sagt
wie lange ist das her
dass man vergessen hat
dass man aus worten tore macht
tore die beißen
tore die sich erinnern
dass sie bloß nicht vergessen
in welches tor sie zu fallen haben
detari!

 

neu-44

poetry slam

 

ich komme nicht aus syrien
ich bin nicht interessant
mein leben ist nur ein leben
ich stehe auf und meine tote mutter
ruft mich
sie ruft mich nicht laut
ihre stimme klingt wachsam
als hätten die toten wenn sie erwachen
ihre wachsamkeit niemals aus den augen verloren
ich bin kein flüchtling
niemand findet mich gut
keiner will meine geschichte hören
ich bin nicht interessant und
hässlich bin ich auch noch
aber immerhin finde ich die afd scheisse
die anderen parteien auch und ich
kann machen was ich will
ich kann es einfach nicht gut finden
wenn jemand aus diesen ländern kommt
wo der krieg von männern gemacht wird und
mir erzählt

wie gut es ist
dass die frau unterdrückt wird