Schiessen sie nicht auf die Wand

 

Mitwirkende:

Elke
Ratzel
Theaterwissenschaftler
Doktor

 

Elke: Ein Stück Realismus fordere ich. Ein bißchen in die Landschaft schauen, aber nicht zuviel, es gibt zuviel Subunternehmer die alles wieder in Besitz nehmen und schlecht angezogene Schwarzarbeiter träumen von einem Leben auf der anderen Seite des Lebens. Sie verbringen ihren Morgen in kleinen Hutschachteln, sie sitzen dort solange bis sie der Wecker weckt der sie zur Arbeit bringt.

Doktor: Wie gerne ich diese Stimme höre, die fleht ja richtiggehend um Liebe. Kommen sie, treiben wir es wie die Karnickel. Ich habe gehört wer ihnen einmal
beim Rammeln zusah vergisst es nie mehr wieder.

Elke: Wie langweilig es ist ihnen zuzuhören, Herr Doktor.

 

Doktor: Warten sie einen Augenblick junge Frau, ich erzähle ihnen gleich eine Geschichte, da werden sie anders über mich denken.

 

Elke: Ich denke noch viel zu gut über sie.

 

Doktor: Darf ich auf die Anrede „Doktor“ bestehen, das klingt aus ihrem Mund so erotisch.

 

Elke: Erzählen sie schon.

 

Doktor: Später, schöne Frau, später. Erzählen sie mir von sich. Was tun sie, wohin gehen sie, ist irgendein Fest vor ihnen sicher, wie viele Gebäude haben sie eingerissen, wie viel Männer in die Luft gezogen, bis sie den Atem verloren, sagen sie mir alles, sagen sie mir, was sie am liebsten tun.

 

Elke: Ich bin am liebsten alleine.

 

Doktor: Ich kann das nicht glauben, sie sehen viel zu gut aus, um gerne alleine zu sein.

 

Elke: Bla bla bla.

 

Doktor: Wollen sie nicht etwas ablegen, wenigstens ihr Mäntelchen.

Elke: Das ist kein Mäntelchen, das ist ein Pullover, den hat meine Großmutter für mich gestrickt. Warum gucken sie mich so an, gucken sie mich gefälligst nicht so an.

 

Doktor: Wie gucke ich sie denn an?

 

Elke: Sie gucken mich an, als würde ich ihnen etwas bedeuteten

 

Doktor: Da irren sie sich.

 

Elke: Ich wusste es.

 

Doktor: Man sagt, die Liebe sei das Kerzenlicht des Lebens.

 

Elke: Da irren sie sich.

 

Doktor: Ich wusste es.

 

(Ratzel und Theaterwissenschaftler betreten das Zimmer…Ratzel trägt typische Malertracht, schiefes Haar, schiefe Mütze, Pfeife im Gesicht, der Theaterwissenschaftler schaut etwas leblos drein)

 

Theaterwissenschaftler: ….. ich behaupte nur, sie ist nicht gut für Dich.

 

Ratzel: Und ich sage dir, diese Frau wird meine Rettung sein.

 

Theaterwissenschaftler: Rettung wovor?

 

Ratzel: Wovor, wovor, wasweissich, vor jener Lethargie, in der ich mich befinde und überhaupt, glaubst du etwa, dass dauernde Treppensteigen macht mir Spass?

 

Theaterwissenschaftler: Du musst ihr nicht dauernd hinterher, das fordert keiner von dir.

 

Elke: Eben.

 

Ratzel: Du hältst zu ihm, das ist typisch, er redet die ganze Zeit gegen dich und du hälst zu ihm.

 

Elke: Was willst du hier? Aber Moment, wenn du schon hier bist, dort ist der Doktor, er sieht krank aus, bestimmt macht er es nicht mehr lange, male ihn, male ihn in seinen letzten Stunden, er wird gut bezahlen, glaub mir.

Ratzel: Ich will nur dich malen. Das weißt du genau.

 

Elke: Sei nicht so stur. Du sollst ihn malen, du Dummkopf. Schau ihn an. Er ist zu seiner eigenen Sterbevisite gekommen.

 

Ratzel: Ich werde ihn nicht malen.

 

Elke: Du wirst, du Dummkopf.

 

Ratzel: Ich will nur dich malen.

 

Elke: Mich kann man nicht malen, wie oft muss ich dir das noch sagen. Aber gut, ein Kompromiss, male uns beide, den Doktor und mich.

 

Ratzel: /schreit) Elke, ich bin Aktmaler

 

Elke: (schreit zurück) Woher willst du wissen, dass du ein Aktmaler bist?

 

Ratzel: Lass uns nicht streiten, deine Augen sind zum streiten nicht gemacht. Komm in meine Arme, vergessen wir all die Worte, reden wir wie Liebende. Stellen wir uns vor, wir liegen am Strand, wir sind nackt, es ist heiß und du bist durstig.

 

Theaterwissenschaftler: Du erwartest jetzt nicht, dass sie etwas darauf antwortet, übrigens ist sie aus dem Zimmer gerannt, wer weiß was sie wieder vor hat.

 

Doktor: Sie wird uns alle abknallen, wie in der guten alten Zeit.

 

Ratzel: Ihr habt keine Ahnung, sie ist ein Engel.

 

(Elke kommt mit einer Pistole in der Hand zurück)

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Spielen wir ohne Pause durch?

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Du hast schon wieder durst?

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Ein bisschen was vertragen könnte ich schon.

 

Ratzler zu Theaterwissenschaftler: Ich glaube wir spielen durch.

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzler: Es ist nicht gut durchzuspielen.

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Du musst vorsichtig sein, es ist deine letzte Chance.

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Ich bin ein guter Schauspieler, ich finde immer was.

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Hör auf, du kennst die Wahrheit.

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Hör zu, kannst du nicht dafür sorgen dass ich als erstes erschossen werde?

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Wie soll ich das machen?

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Gib ihr einen Tipp, bestimmt traut sie sich nicht, am besten du reißt ihr die Pistole aus der Hand und erschießt mich.

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Das ist eine gute Idee.

 

(Ratzel reißt Elke die Pistole aus der Hand und erschießt den Doktor)

 

Elke: Das hatte ich geahnt.

 

Ratzel: Jetzt male ich dich.

 

Elke: Du Spinner, du hast ihn umgebracht

 

Theaterwissenschaftler zu Doktor: Bitte sterben sie.

 

Doktor zu Theaterwissenschaftler: Ich denke gerade daran.

 

Theaterwissenschaftler zu Doktor: Denken sie nicht zuviel.

 

Doktor zu Theaterwissenschaftler: Mein Herr, sie riechen nach Schnaps.

 

Theaterwissenschaftler zu Doktor: Sie spinnen ja, ich habe heute noch nichts getrunken.

 

Doktor zu Theaterwissenschaftler: Aber sie werden welchen trinken.

 

Theaterwissenschaftler zu Doktor: Woher wissen sie das?

 

Doktor zu Theaterwissenschaftler: Die Sterbenden wissen viel von den Lebenden, sie waren ja schließlich auch einmal lebendig vor geraumer Zeit.

 

Doktor: Ich sterbe, die wenigen Minuten, die mir noch bleiben, möchte ich dazu nutzen, mich zu bedanken, ich dachte ich sei krank, sterbenskrank, aber jetzt bin ich geheilt. Ich möchte eine Tasse Kaffee.

 

Elke: Ich koch welchen. (geht ab)

 

Ratzel: Warum begreift mich keiner? Warum schaut mich keiner an? Mit meinen Umarmungen stehe ich alleine da. Wo sind ihre Lippen, warum trösten sie mich nicht? Immer wartet man vergebens. Die Nacht kommt bald und alle Menschen werden wieder kleiner werden, manche werden zittern vor Angst, sie könnten wieder vor Einsamkeit mit der Türklinke reden. Und diese Frau, diese eine Frau, schlägt alle Türen hinter mir zu. Wie oft träumte ich von ihrem Gesicht, von ihren Händen, die ihren Busen bedeckten und im Traum fragte ich sie, „warum bedeckst du deinen Busen, es ist doch nur ein Traum?“ Sie aber schwieg, schwieg, wie ein Schiff das weiß, dass man auch untergehen kann und immer starrte sich mich an und sagte, „würden die Jacken aus der Welt verschwinden, ich wäre trotzdem niemals nackt.“

 

Elke: Ich pfeife auf den Mist den du da erzählst.

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Hör zu, ich besorg dir was zu trinken und du hilfst mir.

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Ich soll dir helfen? Wobei?

 

Ratzel: Dass sie mich mag, ach was mögen, dass sie mich liebt, dass sie nur noch mich haben will.

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Was soll ich tun?

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Lob mich, sprich mit ihr, sag ihr wie ich bin, erfinde etwas. Rede ihr ein, sie könne ohne mich nicht mehr leben.

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Und du besorgst mir was zu trinken nur damit du`s ihr besorgen kannst.

 

Ratzel zu Aufwiegel: Du denkst nur an das eine, aber gut, ich denke auch daran, zwischen Kerzenlichtern liegt sie ermattet unter mir, ich schaue sie an, sie schweigt, umnebelt von meinen Küssen, erleuchtet von meinen Schwingungen, ermattet von meiner Liebe.

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Und ich bekomm was zu trinken?

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Soviel du willst..

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Abgemacht.

 

Doktor: Kümmern sie sich nicht um mich, ich sterbe so vor mich hin, so habe ich übrigens auch gelebt, nirgendwo fiel ich auf, dabei dachte ich an manchen Tagen, ich sei etwas besonderes. .

(Elke tritt wieder ein, mit zwei Tassen Kaffee in der Hand)

 

Elke: (reicht dem Doktor eine Tasse) erzählen sie mir davon.

 

Doktor: Sie interessieren sich für mein Leben?

 

Elke: Nein, für ihr Sterben, was geht vor in ihnen?

 

Doktor: Das seltsame ist, mir erscheint es fast als wäre nichts geschehen, als wäre alles so wie immer. Was denken sie, sollte ich mich malen lassen, das wäre doch ein sehr ehrgeiziges Unternehmen, von seinem Mörder gemalt werden.

 

Elke zu Ratzel: Male ihn.

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Geh hin zu ihr.

 

Theaterwissenschaftler: Der Herr Ratzel muss gerade eine Besorgung machen schöne Frau, was wünschen sie denn?

 

Elke: Er soll den Doktor malen, das ist er ihm schuldig, immerhin hat er ihn erschossen..

 

Theaterwissenschaftler: Dabei wolltest du ihn erschießen.

 

Elke: Einmal duzt du mich und einmal siezt du mich, du machst mich ganz wirr.

 

Doktor: Gebt mir einen Spiegel.

 

Elke: Was wollen sie damit?

 

Doktor: Ich will sehen wie ich sterbe.

 

Elke: Gib ihm einen Spiegel

 

Theaterwissenschaftler: Hör auf damit, ich habe keinen Spiegel, ich habe Durst.

 

Elke: Sag mal, taugt er was als Maler?

 

Theaterwissenschaftler: Vergiss es, noch kein Bild hat er gemalt und trotzdem ist er ein Künstler, es steckt etwas in ihm, das zu dir will, wenn du weißt, was ich meine.

 

Elke: Ich tu mal so, als wüsste ich es nicht.

 

Theaterwissenschaftler: Er ist spitz auf dich.

 

Elke: Im Ernst?

 

Theaterwissenschaftler: Ja.

 

Doktor: Wo bleibt der Spiegel?

 

Elke: Es gibt keine Spiegel mehr.

 

Doktor: Ich träumte ich hätte mich in meiner eigenen Wohnung verlaufen. Dann erschienen Männer mit großen Brillen, aber sie trugen die Brillen nicht auf der Nase, sie hatten sich etwas anderes ausgedacht, aber ich konnte nicht sehen was. Ich kam etwas näher, sie bekamen es mit der Angst, vielleicht dachten sie, ich wollte ihnen die Brillen stehlen und tatsächlich spürte ich, das ich den Drang hatte, ihnen diese Gestelle zu rauben.

Elke: Sie sollten jetzt lieber sterben, wir rufen gleich den Doktor.

Doktor: Ich kann meinen Tod nicht feststellen, ich war schon immer ein schlechter Arzt

 

Elke: Sie waren der Beste, man wird ein Denkmal für sie errichten, man wird sie auf jedem Krankenzettel erwähnen, in den Wartezimmern werden Fotos von ihnen liegen, die Kranken betrachten sie und werden wieder gesund.

 

Ratzel: Da bin ich wieder (hebt die Pistole) Ich hoffe, ihr habt mich vermisst. Ihr habt mich doch vermisst?

 

Alle nicken.

 

Ratzel zu Theaterwissenschaftler: Wie ist es gelaufen?

 

Theaterwissenschaftler zu Ratzel: Hast du es nicht bemerkt, sie ist ganz scharf auf dich.

 

Doktor: bitte bring mir doch einer das Radio, es liegt auf dem Schrank., ich nehme es mit ins Jenseits, mal sehen, wie dort der Empfang ist.

 

Elke: Da ist kein Schrank

 

Theaterwissenschaftler: …und kein Radio

(das Telefon läutet)

Elke: Herr Doktor jemand will sie sprechen, es scheint dringend zu sein, was soll ich ausrichten? Sie sind zur Zeit tot. Herr Doktor, warum beschwindeln sie uns, welchen Nutzen ziehen sie daraus. Herr Doktor (brüllt)REDEN SIE….

 

Doktor: Ich weiß gar nicht, was sie haben, wozu die Aufregung, die Menschen werden geboren, die Menschen sterben, ein normaler Vorgang, nur das Leben an sich ist seltsam, aber man muss nicht darüber reden, zumal nicht jetzt, später, Elke, später, später wenn wir alleine sind, wenn ich deine Schritte höre, deine nackten Schritte, wenn ich auf Dir liege, Elke, ganz nackt, nackt werden wir sein und über das Leben reden. Ich werde dich lieben, ich werde dich sehr lange lieben, nein ich werde dich nicht lieben, ich kann dich nicht mehr lieben, Elke, tu mir einen letzten Gefallen, such dort in der Schublade einen Zettel und schreib, „hiermit kündig ich das Abo für diese Fernsehzeitschrift.“ Was soll ich denn mit einer Fernsehzeitschrift, wenn ich nicht einmal das Radio mit ins Grab nehmen kann.

 

Elke: Regen sie sich nicht so auf, das schadet ihrer Gesundheit. Ich hol einen Zettel und dann kündigen wir das Abo.

 

Doktor: Seht nur, wie sie mich ansieht, wie sie mich mit diesen Augen ansieht, mit diesen blauen Flammenaugen., Ruft alle Wasserwerfer hierher, vielleicht führt sie etwas im Schilde. Bestimmt kann sie mit diesen Augen Schnapsbrennen. Oh grenzenlos ist die Optik, dahinter ist ein Zaun, wenn man darüber springt, verliert man die Sicht.

 

Theaterwissenschaftler: Sie reden wie im Fieber, sie können kein Fieber haben, hören sie mich.

 

Doktor; Ich bin ein geborener Toter, ich war schon immer tot.

 

Elke: Es ist sinnlos über den Tod zu reden, so sinnlos wie über das Leben.

 

Doktor: Ich liebe ihre Augen. Sie sind nur für sie gemacht. Mit solchen Augen kann man tatsächlich nicht über den Tod reden, noch weniger über das Leben. Mit diesen Augen kann man nur vom versäumen träumen.

 

Elke: Sie sehen mich doch gar nicht mehr. Ihre Augen haben sich von ihrem Körper entfernt. Alles was sie sagen, ist weit entfernt, manchmal kann ich es genau sehen, aber nur wenn ich nicht hingucke.

Ratzel: Ich verstehe nichts von dem was hier gesagt wird und ich will auch nichts verstehen, das ist alles Unsinn. Seht ihr diese Pistole? Ich trag sie in der rechten Hand, ich werde euch jetzt alle erschießen und zuletzt mich.

 

Elke: Mich zuerst.

 

Ratzel: Nein dich nicht.

 

Elke: Warum?

 

Ratzel: Dich kann man nicht erschießen, ich kann es gerne versuchen wenn du willst.

 

Elke: Ich will.

 

Ratzel: Stell dich an die Wand.

 

Elke stellt sich an die Wand.

 

Doktor: Diese Augen, sie betrachten mich auch jetzt, es sind uferlose Augen, schweigend versinken die Schiffe an Land.

 

Theaterwissenschaftler: Doktor sie reden wie ein Toter.

 

Elke: Er ist doch tot..

 

Theaterwissenschaftler: Aber warum stirbt er nicht

 

Elke: Wie soll er sterben, wenn er bereits tot ist, ich würde auch nicht sterben, wenn ich schon tot wäre.

 

Ratzel: Elke, ich werde auf dich schießen.

 

Theaterwissenschaftler: Das wirst du bleiben lassen, sie ist die Mutter meiner Kinder.

 

Elke: Erschieß mich Ratzel, schnell.

 

(Ratzel schießt, aber der Schuss trifft den Doktor.)

 

Doktor: Ein lange erfülltes Leben, das sollte auf meinem Grabstein stehen.

 

Theaterwissenschaftler: Es gibt keine Grabsteine mehr.

 

Doktor: Dann schreibt es in die Luft.

 

Elke: Mit einem Briefbeschwerer. Ich kann es direkt vor mir sehen und die Tauben und Spatzen sind die einzigen die es lesen können, doch die Spatzen vergessen es rasch wieder, nur die Tauben nicht.

 

 

 

 

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Alles ist wichtiger, als gegen die zu spielen

du kommst und gehst gleich wieder
die alten prinzipien
die offenen rechnungen
du erinnerst dich
seltsam, mit welcher geschwindigkeit das passiert
rasend
als hielte dich jemand an deinen worten fest
bedingungen für ein auskommen
du bist ein kleiner junge
die mutter hat gesagt du sollst losgehen und milch holen
sie hat dir eine kanne mitgegeben
die kanne liegt leicht in der hand
du würdest sie gerne zum mond werfen
der mond ist für dich ein junge mit der die nacht vergessen spielt
du fürchtest dich nicht mehr vor der nacht
du bist kein kind mehr
neben dir liegt tina
sie hat das badewasser eingelassen und schaut dich an
gleich wirst du sie nackt sehen und es wird sein
als hättest du die lippen nur dafür
ihre nacktheit einzusaugen
es sind alles nur worte
manchmal bist du gefangen darin
aber manchmal denkst du
wenn ich für alles einen satz hätte
dürfte ich alles andere behalten
der mond lichtet sich
die sätze helfen dir dieser frau zu begegnen
die dich beschenkt mit der geste
die vergessen macht dass du die orientierung wieder verlässt
wenn sie dich beim abschied fragt
bist du traurig?brecht2 001-001

um halb vier oder

Sprachkleider

 

er steht da wartet auf

irmi

irmi wartet auf ihn

sie hat heftpflaster

er dosenbier

sie winken sich zu

hallo irmi

hallo palastrevolution

sie sind beide

sie sind zu zweit

zu zweit bekleiden sie sich

noch sind sie nackt

beinah nackt

wenn man nackt ist

ist man nicht angezogen

wenn man angezogen ist

ist die nacktheit weit

von einem entfernt

wie lange er auf sie warten muss

er ruft ihren namen

sie kommt

sie sagt

du hast meinen namen gerufen

das hat er

wie im kino

und wie im kino ziehen sie

die landschaften hinter sich

da sind berge voller glatzen

voller tränen

voller lachen

da ist ein tor

wir machen ein schneetreiben daraus

irmi und der palastrevoluzzer

sie stammen aus denselben gebieten

geboren in der nähe der fiktionen

bringen sie licht in die tankstellen

wo sind wir, fragen sie

sie fragen es nur zum spass

heute die nacht

morgen der träge vergessliche augenblick

der moment der abkürzung

wenn alle namen zurückfinden

wenn alle nur daran denken

es wird halb vier sein und jemand mit einer pfeife

wird der immer ähnlicher und wir

sagt irmi

aber die palastrevolution schweigt

er fängt ihre haare ein und machte eine

fahne daraus

muss man mal

 

 

da muss man mal sehen

was familie bedeutet

die leute arbeiten dafür

sehen sie

kaum sehen wir einem schatten hinterher

schon tun sie es wieder

muss man mal sitzen und darauf warten

dass wir die bittere schokolade

ausgetrunken haben und wenn keine

bittere schokolade

dann eben davon reden

wie verdreht früher alles war

alles war früher verdreht

wir saßen bei tisch und fütterten uns

mit gabel und messer

als wir niemand mehr hatten

standen wir am bahnhof

dort werden wir gefragt

wo wollt ihr hin

stehenbleiben, sagen wir dann

wir rufen es in die grenzenlose angst

der tauben

die beim verfüttern der worte

immer zu spät kommen

der fremde

gleich ist der fremde bei ihnen

nur noch einen hauch

dann fragt er sie

er fragt sie

er fragt uns nach einem heftpflaster

er wird die wirkung der frage abwarten

er wird bluten müssen

lauter und ehrlicher als je

ob er wütend sein wird

ob er

wenn er schon da ist

uns an die versandkataloge erinnern wird

die schweren versandkataloge

getragen von verfassungsfreundlichen briefträgern

die von den eigenen augen erwachen und wachsen und

spüren

es hängt alles davon ab

in ruhe gelassen zu werden

diese alte zwiebackmatura

die alles erkennt was wir nie waren

ein gedicht

ein schieberechner

er kommt auf uns zu

wir

die wir für uns schon einen belastung sind

was ist der fremde? was will er und wenn er etwas will

was bleibt uns

wenn wir es ihm nicht geben und wenn wir geben?

wer zerrt die wahrheit ans licht

wer bläst feuchtigkeit in die trockenheit eines satzes

was ist mit dem fremden

wird er bekommen was er braucht und was

wenn er uns um den finger wickelt

wenn er all die gedanken aus uns herausholt

gedanken die ein ganzes lebenlang pause machen sollten und

nun waren sie alle wieder da

als rutschten wir ab

und sehnten uns nach der zeit

als wir uns zum spass fragten

worin liegt der grund für unsere existenz

phrasen die uns absuchen

gehen einen schritt auf uns zu und dann

geht er einfach weiter

der fremde

als hätte er uns noch nicht gesehen

geister der nacht

Im sicheren Mittelfeld

es war im spiegel

oder

der staub redete es zu sich

er sagte

komm zu mir geliebte

aber er meinte

den ball

er schob ihn hinein

in das herz des spielers

der spieler hieß stein

er stand da

seine augen bewegten die hände

die hände standen im halbfinale

irgendeine verdrehte minute

ratlos standen die bremer umher

damals

sortierten ihre füße

dankten ab

riefen die geister

ach was tun

was tun gegen so einen stein

oder etwas das verfüttert wurde

im schnee

die tränen die das ratlose suchen

die begeisterung der sätze

komm schon

selbst wenn wir verlieren

sehen wir uns noch an

was wir später

vergessen

der heimatlose blick eines trainers

da geht er hin

soll er

in münchen haben sie schon immer

länger gewartet als anderswo

das irgendwo etwas gesponnen wird

das nicht vergessen ist

im Vorhinein

das alter, herr stein

es hat uns verrückt gemacht

wir sammeln erinnerungen und reihen sie ein

was ist

stellen sie sich noch einmal ins tor und wenn einer

versucht den ball ins tor zu tragen

fassen sie den ball nicht

umarmen sie einfach die zeit und werden zum helden dieser nacht