setzen

da sitzt er

nicht im knast

sitzt er und neben ihm bleiben zwei stühle unbesetzt

fragt sich

ob die reisenden bei dieser lesung

alle zusammengehören

ob er einen fehler gemacht hat

weil er sich einfach auf einen der ihren setzte

denn jeder stuhl gehört einem schatten und

bei der geringsten fremden bewegung

entfernt er sich und reiht sich nicht mehr ein

ob man spürt

dass ich niedergestreckt wurde von einer

die sich mal die hände nach mir leckte

ob es diese seltsamen tage waren

die immer noch ihre schatten auf sie legen

dieser dunkle makel

der den rosaroten rohrspatz traum weckt und

ihm sagt

er solle zur seite rutschen

es stört wenn er schmatze

selbst wenn er gar nichts dergleichen tut

dann stört er eben die ruhe und den faden den der literaturbetrieb verliert

wenn ein hauptschüler die vorzügliche dichterin krüsst

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zu früh

am fenster stand manchmal

die erinnerung an meine großmutter

ich mochte es wenn sie den schnee anblickte

wenn sie den schnee anblickte war der nicht mehr so kalt

sie tunkte das brötchen in den kaffee

der kaffee biss hinein und meine

großmutter konnte das brötchen trinken

manchmal mochte ich mir vorstellen

was sie als kleines mädchen tat

in diesem ehringshausen im vogelsberg

was konnte man dort tun

als kind

man konnte gedanken aufsammeln

nach ausrufezeichen fragen und

irgendwen bitten

dass es wieder winter wird

damit die tränen nicht mehr wachsen

damit der schrei der toten nicht

klingt

als wäre man tatsächlich darauf stolz

Nacht

Jetzt bist du zurück
weg von allen Hüten
weit weg von Aliens
Jetzt bist du wieder gefangen

die Augen sind offen
Sammle deine Lieblingslieder
Es erweist sich als unpräzise wie ein Nachtflug
So verschwindet der Morgen

gib die Nacht zurück
Besen sind laut
Die Zeit wird wiederholt
Sie schreibt kühne Pläne

Zwei sitzen am Ufer
vor ihnen ein Fluss, der sie kennt
Sie ertranken oft und versuchten es
immer und immer wieder

und plötzlich

P1020662

 

noch ehe du dich versiehst

oder wegziehst

bist du verschwunden

liegst

mit den besten in den nesseln

suchst

mit den fortschrittlichsten

einen vogel der

wenn er heimkommt

immer davon erzählt

wie er wieder weg will

du

im stile einer fussnote

beginnst zu erzählen

ja heute fahren wir nach stuttgart

wenn wir zeit haben besuchen wir timo

im knast

er trägt ein foto von gudrun ensslin in seiner

geldbörse

in seiner geldbörse liegen auch

die nächsten auswärtsspiele

aber er kommt nicht hin

die justiz begräbt seine geldbörse und

auch das bild von gudrun dass einer von

der justiz für das bild

einer hochspringerin hält die nicht mehr springt

Sommer 1995

Es war ein Sommer des Friedens

sagen manche heute

da war Angst zuerst „wenn es passiert“

Gründe und Gravuren

perfekte Liebe

verpasste Gelegenheit

das letzte Licht

Es war ein Jahr des Fliegens

wer wagte etwas anderes

Wer hat nicht Steine von einem Pfad zum anderen gezogen

Graue Vogelvögel sind alle paar Minuten gleich

Reden halten

Diskussionen über Waffenstillstände und Warteräume

Friedhöfe und diese unsichtbare Stille

die schreien musste

um gehört zu werden

Es war Sommer in den Händen der Wahrheit, die ganz unschuldig wurde

ein paar Menschen existierten noch

aber es war offensichtlich

um sie herum war ein Tanz (der Tod tanzt so)

Es war das Jahr der Massengräber

ein Name, den man zuerst vergrub und dann vergaß

Es war eine Zeit des Vergessens

später

Sie werden sich daran erinnern

später

wenn der Nachhall vom Kopf kommt und jemand sagt

Das ist dir auch passiert

was ein spiel?

Pict0007

 

 

Etwa

lies ihre augen

kostbar

unaussprechlich

die hand

vergebens darauf wartend

dass sie sagt

komm

die augen sind alleine

sind wanderer

wanderer die gelegentlich

weiterziehen ohne zu ahnen

der körper

wie etwas dass man benennen

dass sich aber nicht beschreiben lässt

die letzten die es versuchten

starben nach nur einer nacht

diese nacht wartet vergebens auf worte

worte sind das unbeschreibliche

sind warten und gehen zugleich

das ewige gesetz der gesetzeslosen

die frau ist dort

wo ein mann vergebens wartet

das lächeln sucht vergebens

nach dem letzten satz

du sprichst es aus

was alle verlangen