Kafka und die Nacht in Hoffenheim

Die Augen auf das Schloß gerichtet, ging K. weiter, nichts sonst kümmerte ihn. Aber im Näherkommen enttäuschte ihn das Schloß, es war doch nur ein recht elendes Städtchen, aus Dorfhäusern zusammengetragen, ausgezeichnet nur dadurch, daß vielleicht alles aus Stein gebaut war; aber der Anstrich war längst abgefallen, und der Stein schien abzubröckeln. Flüchtig erinnerte sich K. an sein Heimatstädtchen; es stand diesem angeblichen Schlosse kaum nach. Wäre es K. nur auf die Besichtigung angekommen, dann wäre es schade um die lange Wanderschaft gewesen und er hätte vernünftiger gehandelt, wieder einmal die alte Heimat zu besuchen, wo er schon so lange nicht gewesen war. Und er verglich in Gedanken den Kirchturm der Heimat mit dem Turm dort oben. Jener Turm, bestimmt, ohne Zögern geradewegs nach oben sich verjüngend, breitdachig, abschließend mit roten Ziegeln, ein irdisches Gebäude – was können wir anderes bauen? – aber mit höherem Ziel als die niedrige Häusermenge und mit klarerem Ausdruck, als ihn der trübe Werktag hat. Der Turm hier oben – es war der einzig sichtbare -, der Turm eines Wohnhauses, wie es sich jetzt zeigte, vielleicht des Hauptschlosses, war ein einförmiger Rundbau, zum Teil gnädig von Efeu verdeckt, mit kleinen Fenstern, die jetzt in der Sonne aufstrahlten – etwas Irrsinniges hatte das -, und einem söllerartigen Abschluß, dessen Mauerzinnen unsicher, unregelmäßig, brüchig, wie von ängstlicher oder nachlässiger Kinderhand gezeichnet, sich in den blauen Himmel zackten. Es war, wie wenn ein trübseliger Hausbewohner, der gerechterweise im entlegensten Zimmer des Hauses sich hätte eingesperrt halten sollen, das Dach durchbrochen und sich erhoben hätte, um sich der Welt zu zeigen.

 

(Franz Kafka aus Das Schloß)kafkaa

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Der Kampf der Hände

 

Meine zwei Hände begannen einen Kampf. Das Buch in dem ich gelesen hatte, klappten sie zu und schoben es bei Seite, damit es nicht störe. Mir salutierten sie und ernannten mich zum Schiedsrichter. Und schon hatten sie die Finger ineinander verschränkt und schon jagten sie am Tischrand hin, bald nach rechts bald nach links je nach dem Überdruck der einen oder der andern. Ich liess keinen Blick von ihnen. Sind es meine Hände, muss ich ein gerechter Richter sein, sonst halse ich mir selbst die Leiden eines falschen Schiedsspruchs auf. Aber mein Amt ist nicht leicht, im Dunkel zwischen den Handtellern werden verschiedene Kniffe angewendet, die ich nicht unbeachtet lassen darf, ich drücke deshalb das Kinn an den Tisch und nun entgeht mir nichts. Mein Leben lang habe ich die Rechte, ohne es gegen die Linke böse zu meinen, bevorzugt. Hätte doch die Linke einmal etwas gesagt, ich hätte, nachgiebig und rechtlich wie ich bin, gleich den Missbrauch eingestellt. Aber sie muckste nicht, hing an mir hinunter und während etwa die Rechte auf der Gasse meinen Hut schwang, tastete die Linke ängstlich meinen Schenkel ab. Das war eine schlechte Vorbereitung zum Kampf, der jetzt vor sich geht. Wie willst Du auf die Dauer, linkes Handgelenk, gegen diese gewaltige Rechte Dich stemmen? Wie Deine mädchenhaften Finger in der Klemme der fünf andern behaupten? Das scheint mir kein Kampf mehr, sondern natürliches Ende der Linken. Schon ist sie in die äusserste linke Ecke des Tisches gedrängt, und an ihr regelmässig auf und nieder schwingend wie ein Maschinenkolben die Rechte. Bekäme ich angesichts dieser Not nicht den erlösenden Gedanken, dass es meine eigenen Hände sind, die hier im Kampf stehn und dass ich sie mit einem leichten Ruck von einander wegziehn kann und damit Kampf und Not beenden – bekäme ich diesen Gedanken nicht, die Linke wäre aus dem Gelenk gebrochen vom Tisch geschleudert und dann vielleicht die Rechte in der Zügellosigkeit des Siegers wie der fünfköpfige Höllenhund mir selbst ins aufmerksame Gesicht gefahren. Statt dessen liegen die zwei jetzt übereinander, die Rechte streichelt den Rücken der Linken, und ich unehrlicher Schiedsrichter nicke dazu.

 

DSCN1482(Franz Kafka, ein berühmter EintrachtFan)

Kafka gegen Augsburg

 

Man erzählt zum Beispiel folgende Geschichte, die sehr den Anschein der Wahrheit hat. Ein alter Beamter, ein guter stiller Herr, hatte eine schwierige Gerichtssache, welche besonders durch die Eingaben des Advokaten verwickelt worden war, einen Tag und eine Nacht ununterbrochen studiert – diese Beamten sind tatsächlich fleissig wie niemand sonst. Gegen Morgen nun, nach vierundzwanzigstündiger wahrscheinlich nicht sehr ergiebiger Arbeit, ging er zur Eingangstür, stellte sich dort in Hinterhalt und warf jeden Advokaten, der eintreten wollte, die Treppe hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenabsatz und berieten, was sie tun sollten. Einerseits haben sie keinen eigentlichen Anspruch darauf, eingelassen zu werden, können daher rechtlich gegen den Beamten kaum etwas unternehmen und müssen sich, wie schon erwähnt, auch hüten, die Beamtenschaft gegen sich aufzubringen. Andererseits aber ist jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag für sie verloren, und es lag ihnen also viel daran einzudringen. Schliesslich einigten sie sich darauf, dass sie den alten Herrn ermüden wollten. Immer wieder wurde ein Advokat ausgeschickt, der die Treppe hinauf lief und sich dann unter möglichstem, allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen liess, wo er dann von den Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa eine Stunde, dann wurde der alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit schon erschöpft, wirklich müde und ging in seine Kanzlei zurück. Die unten wollten es zuerst gar nicht glauben und schickten zuerst einen aus, der hinter der Tür nachsehn sollte, ob dort wirklich leer war. Dann erst zogen sie ein und wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren.

(Franz Kafka aus der Prozess)DSCN1409

 

Meiern

DSCN1460

vielleicht das meier

dass er mit dem kopp

mit dem fuss ist es ja nicht möglich

aber mit dem kopp

vielleicht dass er draußen sitzt und

guckt und denkt

ich könnte es ja

ich könnte ja

aber ich könnte nur mit dem kopp

Lange vor dem Spiel

lange lange sitzen sie da vor dem nächsten

spiel

das nächste spiel ist immer ein spiel

die Bälle tropfen ab von den einschnitten

gewisser leute

die ihre schuhe nicht auseinanderhalten können

von ihren Gesichtern

müde sehen die aus

sie fallen

fallen in ein Sprung

wird begraben und vergessen

vergessen was angst ist

vergessen den bericht von den nächsten toten

eirgendwo wird ein Palästinenser erschossen

anderswo erwischt es eine Israelin

wir sehen in den Nächten immer nur das

schweigen

das hinabrinnt

das nicht zum aushalten ist und ist

doch nur ein spiel

ein spiel mit Bällen

einem meistens

gesichtslos und ohne Nation

gesponsert von irgendeiner Firma die in

irgendeinem land menschen dazu bringt

für weniger als möglich ist

zu existieren

was wird morgen sein

verlassen die armen den planeten

wie üblich

vergessen vom leben

betrachten sie alles wie verloren

Zukunft du armer tropf

was wirst du morgen erzählen

wird’s ein spiel oder muss man sich sorgen machen

 

Säulen

Kafka und der Turmspringer

 

einmal stieg kafka aus seinem grab

er sah wie fern die welt war und

dass er dass nicht übel fand

fand er komisch

er fand es auch komisch dass er so gin

so ganz ohne zu gehen

er schwebte aber auch nicht

er spürte seine füße die ihm vergessen hatten

mit der zeit

doch wenn es darauf ankam erinnerten sie sich wieder an ihn

er sah die stadt prag leuchten

es war nacht

eine frau saß an der seufzerbrücke und seufzte

die augen zu einem lippenstift geformt

sie hielt eine teigrolle in den händen

er sah sie an als hätte er sie noch niemals angesehen

was ist der zweck ihrer reise fragte er sie

sie lächelte

das messer hauchte sie, ich habe es bei ihm liegengelassen

heute lassen die frauen ihre messer bei ihren verlassenen

männern liegen

sie lassen sie als trost dort liegen ohne zu bedenken

dass sie nun ganz ohne trost auskommen mussten

nehmen sie diesen brief, sagte kafka

sie schaute den mann an

komisch war der bekleidet als hätte er zu lange

vor den ausnüchterungszellen gestanden

er trug einen dunklen bart und seine augen starrten

immer nur zurück

sie drückte den brief fest an sich

ein brief kann ein messer sein, hätte kafka gerne

noch gesagt

aber er ließ es bleiben

stattdessen machte er sich geräuschlos auf dem weg

zum friedhof

fand ein paar erdnüsse in seiner jacke und

verkniff es sich nicht diese bis auf die letzte aufzuessen

die tauben die es sahen waren damit nicht einverstanden