morgen

vielleicht dachte sie und
leckte sich die fingernägel
trinke ich heute
drei flaschen apfelwein

sie
an der mauer gelehnt
die geweckten träume
fallen über sie her

sie betrachtet erst sich und dann
die welt
sie weckt die zeit
die eingeschlafen ist

jemand steht
zwischen den stühlen und
weiß nicht
ob er weiter gehen darf

es beruhigt ihn nicht
dass sie im radio
starway to heaven spielen
er hört
wie die nacht ausgeht
das zimmer auslöscht

er möchte inmitten
ihrer schritte sein
er möchte der sein
der sich umdreht und
ihr zuruft
weck ihn doch

Bankrott

Da wird eine frau ausgeladen

Nachdem sie nicht selber

Nicht auftreten wollte

Was hätte man wohl gesagt

Hätte sie von selber gesagt

Nein, tut mir leid

Mit leuten die mich schlagen wollen

Hab ich nichts zu tun und ihre

Versprochenen blauhelmsoldaten zählen ja

Doch nur die schläge und winken den

Schlagenden verbindungen zu und rufen

Dort

Unter der brust

Dort habts ihr noch nicht hingelangt

Der veranstalter hätte gesagt

Tut uns leid du liebenswerter neonliberaler zuschauer

Statt der lisa eckhardt gibt’s heuer

Nur eine lesung von dem wellensittich

Von der ulrike .

Jo

Der lebt noch

der wird’s richten

der frau eckhardt wünschen wir alles gute

sie soll halt ein bißchen draufkommen

was wir unter frechen frauen verstehen

systemkonform und antiautotär

Für

Meine augen sind salzig

Sie gehören nicht mir

Sie betrachten von der rampe aus

Das meer

Sie erkennen nichts von dem

Was meer wissen will

Was meer weiß

Verschlingt es

Was meer nicht kümmert

Ertrinkt darin

Wir hatten pause gemacht

Lange jahrtausende jahre pause

Wir haben unsere augen genommen und die toten verschlungen

Immer ragten wir dabei heraus

Immer waren wir

die nächsten die vergessen wurden

von uns

lass es

„Es gibt keine Liebe ohne Erinnerung, keine Erinnerung ohne Kultur, keine Kultur ohne Liebe. Deshalb ist jedes Gedicht ein Faktum der Kultur wie ein Akt der Liebe und ein Blitzlicht der Erinnerung, und ich würde anfügen – des Glaubens.“Joseph Brodsky (1940–1996)

lass die augen fallen
lass den mund
lass das vergessen niederknien
lass den mund erinnerungen suchen
lass das fallen fallen
lass den mund
lass die augen fallen
lass den mund
tiefe ränder
abgründe ohne vergessen
lass was augen sehen
den mund erkennen
lass es fallen

Jim Knopf

jim knopf ist die geschichte
eines kindes
dass in einem paket
an die falsche adresse geschickt wird
anstatt zu frau mahlzahn
kommt es in ein kleines dorf
in der leute wohnen
die sich um das kind kümmern

normalerweise
hätten die leute dort
den irrtum bemerken müssen und
das kind zu frau mahlzahn schicken sollen
haben sie aber nicht

stattdessen wurde es
beleidigt und ausgegrenzt
es wurde ständig daran erinnert
dass es eine andere hautfarbe hatte

so lesen es wohl die klugen
ich bin nicht klug
ich bin nur gegen jeden rassismus
auch gegen den politisch korrekten rassismus

Hundert Jahre Einsamkeit

(für Charles Bukowski)

ich laufe die etagen hoch
bis ich endlich dort bin
wo ich nicht sein will
ich schau in deine gräber
nacht
du zuckst zusammen

wer kennt sie nicht
die vergessenen namen
die ihren noch immer suchen

was suchen wir
außer den ganzen tag
dire straits hören
fällt mir nichts mehr ein

irgendeine fremde lüge hören
irgendein anständiger der mir sagt
wie man sich verhalten soll

wie hat er sich gegenüber
den toten verhalten
die vergessen werden
von ihm

man könnte die toten fragen

wir kommen vom weg ab
wir kleben fest
wir sitzen an stellen und
denken
wir

wir denken wir
sind das gute

diese erinnerung
diese fürchterliche erinnerung
liegt hinter uns

jetzt müssen endlich
alle
die
die schon immer schmutziger waren
als man selbst
noch schmutziger werden

wir ertrinken an selbstdarstellern
die mit allen mitteln
auslöschen

nicht mit den augen
nicht mit dem herzen
nicht mit dem gefühl
so etwas nie wieder zu wollen
nein
sie verbieten
der nacht
die vergessenen
zu rufen
die heimkommen und
nur was trinken wollen

Elke erzählt

Ich kam mir wie eine Migrantin vor, ich war mir fremd, ich war mir selber fremd, warum muss man sich fremd vorkommen, wenn man sich so nah war? Vielleicht schlossen sich Fremde und Nähe überhaupt nicht aus, sie hatten doch einiges gemeinsam, sie wussten, es würde irgendwie weitergehen, aber sie wussten nicht immer wie. Ich dachte, wir machen uns schädlich, wenn wir uns in Worte legen die nicht unsere sind, ich habe es immer gesagt, damit wird alles was existiert zwar schrecklich langweilig, aber diese Langeweile tauschen wir immerhin ein, in korrektes Verhalten oder sagen wir es so, wir politischen Korrekten sind verrückt nach einem Schuh, wir wissen, dieser Schuhladen hat vor dem Krieg jemand anderen gehört, wir können das wissen, denn wir sind belesen, wir akzeptieren dass, wir akzeptieren das, wir akzeptieren das.
Wir wollen den Schuh haben, also müssen wir vergessen, vergessen ist einfach, obwohl wir es anderen nicht so leicht machen, wie uns selber, wir selber sind ja schließlich die Guten, da werden wir uns doch noch einen Schuh kaufen können.
Was wäre wenn wir die Besitzer des Schuhgeschäftes wären, wir kauften es billig, sehr billig, für ein Butterbrot ohne Butter, nun schauen wir in die Welt, Zeit ist vergangen, wir geben uns weltmännisch, wir setzen nichts fort, aber alles in Bewegung, uns gehört etwas, das eigentlich nicht uns gehört, nachts erwischt uns der Eigentümer an irgendeiner Ecke, er sieht uns nur an, was soll er auch sonst machen. Wir sagen ihm, es war alles völlig legal abgelaufen und er nickt und sagt, natürlich, natürlich, alles war sehr originell, sie staubiger Bruder, sie haben das klug gemacht, sie haben die Chance genutzt, die ihnen die Faschisten gegeben haben.
Wir toleranten, wie weit geht unsere Toleranz? Unser Zeigefinger geht ziemlich weit, wir haben einen ganzen Katalog an Dingen, die wir so nicht dulden, zumindestens theoretisch nicht, wo hört das dulden auf, wo beginnt es, bis zum nächsten Fabriktor? Bis zum nächsten Schweigen, wohin sehen wir, wenn etwas geschieht, das nicht geschehen darf, greifen sie ein, sind sie dort? Mit was fange ich Geschichten an? Doch mit Selbstzweifel? Ich weiß nicht ob ich eine Haltung habe, auf Papier bespannt allerdings ganz sicher, da bin ich das ruheloseste, die absolute Antifaschistin. Ich sage, fiktionales Schreiben muss immer erklären, es muss erklären warum es zu Staub verfällt, wenn es das Wort Enteignung hört, Schweigen, darüber redet man nicht, überhaupt nicht, darüber legt man sein Schweigen, warum eigentlich?.

Aus der Sicht eines Weißen ohne Migrationshintergrund

ich liebe die afrikanische literatur

weil sie einen zauber in sich birgt

weil sie die trauer kennt

weil sie nicht vergessen hat

ich liebe die literatur aus dem balkan

weil sie empfindlich ist

weil sie weiß

was eine betrachtung ist

ich bin ein fiktionaler text

ich bin schädlich

schädlich das hat goebbels gesagt

nach dem er ein weiteres buch

ins feuer warf

Rilke und ich

rilke und ich wollten sand kaufen
wie kauft man sand als poet
rilke nickte und meinte
lass und das herausbekommen
wir spazierten durchs gras
durch wälder
wir kamen auch an
schlössern vorbei
hin und wieder winkten mutige frauen uns
wir aber gingen weiter
winken taten wir jedoch trotzdem
da kamen wir an einem uhrengeschäft vorbei
lass uns hineingehen meinte rilke
fritz, rief er, fritz was kostet bitte eine uhr
der uhrmacher staunte
woher kannte rilke seinen vornamen
ich bin poet sagte er
ich muss alle namen kennen und wenn ich
einen nicht kenne
stricke ich ihn mir
siehst du
hier habe ich die stricknadeln
es war eine blockflöte die er in zwei hälften riss
was für uhren wollen die herren
wir sind keine herren sagte rilke
wir sind auch keine damen
wir sind kunden
wir wollen eine uhr kaufen
ich war sprachlos
im ganzen uhrengeschäft gab es nur eine uhr
was verkaufen sie sonst noch fragte ich
sand, sagte der uhrmacher
ich verkaufe sand
darf ich etwas für sie einpacken

Was noch bleiben kann

Alles was zu staubig schmeckt werfen wir von uns und denken, nur dafür sind wir geboren, wir sind zu unserem Vergnügen geboren, wir sind dazu geboren über Brücken zu gehen, über die zu lachen, die uns auslachen. Wir sind geboren, um zu den Schwachen zu halten, zu den Verteidigern einer Sache die noch immer das wichtigste ist, das Leben. Wir sind das Leben so gewohnt, dass wir es nicht mehr aussprechen wollen. Wir mögen es uns einen Nationalisten im Gefängnis vorzustellen, seine blutigen Hände sind nur im Traum sichtbar, im Traum kratzt er sich am ganzen Körper und fordert Gerechtigkeit für sich und seinesgleichen, aber der Traum ist nicht nationalistisch. Alles was vergessen werden will halten wir fest, wir sind die Brüder und Schwestern der romantischen Verlierer (Schroeder Roadshow), alles was wir suchen ist unser Lachen, unsere Liebe, unsere verschiedene Augen, unsere selbstverschuldeten Gewinne, unsere tränenlosen Verluste. Wenn wir Afrika sagen, meinen wir den Zauber, die Magie der Worte, meinen den Kampf der Menschen gegen den Irrsinn der westlichen Arroganz. Wir suchen uns ständig, wir sind ständig unauffindbar. Wie schwer das alles ist, wenn man es vergisst.

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