Die lippenableser

 

ich lauf ziellos durch
mein enges ich
ich bin nicht bunt und
nicht weltgewandt

ich trank bier zu der alten zeit
ich bin ein vergessener brief
abgeschickt und doch nie fortgetragen
ich bin ein junge ohne migrationshintergrund

in gießen geboren und dann verließen sie ihn
der geschmack dünner haut
der geschmack löslicher farbe
da bleibt einem ja die spucke weg
ich bin ein junge ohne migrationshintergrund

ich sammel tränen und hasse uniform
ich mag nicht wenn man sagt
die nation
ich liebe das herz bosniens
ich liebe die nacht in der ich lange auf sie wartete
bosnische schönheit
deine flüsse wurden begraben
deine zärtlichkeit verraten

nun betrachte ich den mond
den alten schelm
trage die nacht an einem faden spazieren
ein launiger tag
ein gesuchter
kein bunter
kein offener
keiner der sagt
das kaufe ich gerne weil es gut ist

ich sitze in cafes und denke
wo ist das alles hin
all die besoffenen
all die bekifften
wo zur hölle sind die hausbesetzer
die mich retteten
wo ist die betrachtung die mir sagt
ich bin ein junge ohne migrationshintergrund

Meisenborn

 
oft ging ich meisenborn entlang und
stellte mir vor
ich bin auf der flucht

ich stellte mir vor
ich hätte einem hamster
das rad gestohlen
weil es die welt sichtbar macht

aber die welt war nicht sichtbarer
die welt wurde bestohlen
der hamster wusste es

ich ging runter zur schranke und
dachte
es sind zu wenig schranken da

ich dachte
ich muss das meer trennen und
den hamstern der welt
die räder zurückgeben

ich fing an mit meisenborn
zuerst schälte ich kartoffeln
dann bewachte ich sie

aber es waren zu wenig schranken
ich konnte eigentlich nichts tun

meisenborn

 

sie arbeitete meisenborn
meisenborn sagte sie
wenn man sie fragte
wo arbeit?
Sie rief ein taxi
der taxifahrer spielte saxofon
saxofon ohne p
ohne bedienungsanleitung
sein vater war turnlehrer
sein vater hatte einen sohn
der sohn war taxifahrer
sie stieg in das taxi
es war nebel da und ihr lachen
aber sie lachte nicht
alle männer hießen mischa wenn sie lachte
sie wollte nicht das alle männer mischa hießen

das hörte der taxifahrer
er sagte
ich war früher meisenborn
sie lächelte
wie heisst du fragte sie
mischa sagte er und dann sagte er
ich bin taxifahrer und du
ich bin eine reisende
sagte sie
ich gehöre nirgendwohin

heisst du auch mischa fragte er
sie lächelte
er sah sie an
ich war meisenborn
das war krass
so viel leute und nur eine schranke
ja sagte sie
das war bedenklich
deshalb hat man es auch zugemacht
sie lächelte
er stellte sich vor er wäre namenlos
wie heisse ich, fragte er
mischa sagte sie

vs. freiburg

einer ging brot

der andere schuhe

der dritte ging kartoffeln und

der andere weinte

wegen dem spiel

einer ging honig

ein anderer k.o tropfen

pfui

eine ging verloren

später reden wir nicht mehr drüber

einer ging spielen

einer

einer

einer

 

 


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wieder sprach sie nicht mit mir

schau mal

wir sind sekundenkleber

riechst du dran

bist du

die leber

die vergessen macht

was wir sind

wer wir sind?

von hier aus blind

gestern noch

am langen haar

das leben angeschwindelt

wie zart es war

so zart wie du

Cousine auf ewig

du arbeitest bei lidl

aber du bist nicht gnädig

wir tanzten ohne uns zu nennen

wir tanzten weil wir uns gut kennen

doch nun schweigst du

zartes haar

hast vergessen was früher war

wir waren die Kinder von cindy und bert

keiner hat sich je beschwert

heute tust du als ob du Russin wärst

ich verstehe

ja

dass man puschkin verehrt

die verbotene stadt

heute will der Bürgermeister von lüttich

in sein apothekenheft sehen ohne

an die Eintracht fans zu denken

er will Kaffee mit dem Metzgermeister rose trinken und

über die eintrachtfans reden über die

das apothekenheftchen schweigt

heute gehen alle baden

der morgen

die letzten spuren

du existierst nur im apothekenheftchen, ruft sie laut

sie hat die roten stiefel angezogen

die stiefel haben die form eines adlers

sie liebt es in lüttich auf die strasse zu gehen

und Eintracht zu rufen

einfach so und heute erst rechtScan_20191101.jpg

Die Lippenableser

 

erinnerungen an den wald
es war september
wir saßen auf jenen stühlen
wir brachen nicht entzwei
wir riefen nicht
die flüsse, wir müssten zu den flüssen

ich sah dich an
dachte
das würde reichen

es gab alarm
doch da war nichts
da brannte nur mein gedächtnis
mehr nicht

erinnere dich
an die nacht
wir wollten mehr als alles

wir aßen suppen mit messer und gabel
wir waren die
die man bestellte
aber nicht abholte

erinnerungen an die schleppenden tage
an den rausch der kaufhäuser
an das aus und anziehen
an das verlangen der brote
die mit den hungrigen machten
was sie mussten

die ersten worte
die letzten

die letzten klagten die ersten an und
die ersten wussten von nichts mehr